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aditya sharma interviewt marcos lópez - teil 1
der redakteur des jugendradios des ostdeutschen rundfunks brandenburg (orb) im gespräch mit marcos lópez in dessen letzten soundgarden, 17. dezember 1999, 20:00-22:00.
adi: tribal-elemente in der dance-musik – eine bewegung, die uns in den letzten zwei jahren von marcos lópez in seinen freitags-soundgarden-sendungen vorgestellt wurde. mein name ist adi sharma und im heutigen freitags-soundgarden verabschieden wir marcos lópez. das wird der letzte soundgarden von marcos sein – nicht nur in diesem jahr, jahrhundert, jahrtausend – sondern für alle ewigkeiten. denn marcos verlässt nicht nur fritz, sondern auch die ganze heimat.
der song war "we came in peace“ von atlantis und ist der zweite song eines compilation-albums namens "chillout area 2“. das hast du herausgebracht, marcos?
marcos: genau, ich bin 1998 von der bmg (anm.: bertelsmann music group) angesprochen worden, ob ich nicht lust hätte, eine chillout-compilation zu machen. ich glaube, da habe ich als referenz einige soundgarden-sendungen gehabt. die hatte ich "chillodrom" genannt und irgendwann hatte sich das herumgesprochen. die brauchten jemanden, der die zweite cd mixt. die erste hatte auch ein berliner dj namens e. d. 2000 gemischt. so habe ich mich im dezember 1998 mit einer auswahl "chillout-area-tribalorientierter" platten in meine kreuzberger wohnung begeben und habe das album zusammengestellt. es ist ein richtiger dj-mix mit 19 stücken, der nicht, wie im moment üblich, über harddisk-recording am rechner zusammengeschnippelt, sondern von mir tatsächlich nach einem dramaturgischen gesamtkonzept zusammengestellt wurde. ich habe 14 tage lang fast jeden tag ungefähr 180 minuten auf dat [anm.: digitales audio tape] gebracht und mir dann die besten übergänge aufgeschrieben. es ist die erste und einzige dj-compilation, die es offiziell von mir zu kaufen gibt. aber als bootleg wurden vom soundgarden extrem viele cds gepreßt, gebrannt und weiter verschenkt. auf der compilation habe ich das intro "beyond" gemacht und es sind noch zwei andere stücke drauf: was gerade im hintergrund läuft, ist von marmion, einem projekt von mijk van dijk und mir. das heißt "nothing is real". und dann später gibt es im verlauf des mixes einen auszug von einem stück von "the moon and the sun", meinem projekt mit chris zippel.
adi: ich würde dich gern fragen, was jetzt für dich kommt. wir wissen, dass du nicht nur bei fritz aufhörst. Du wanderst regelrecht aus in ein land, das für viele überraschend kommen dürfte. denn du bist ein dj, der sich auch etablieren konnte. warum lässt du das hinter dir?
marcos: ich hatte im april diese jahres ein spirituelles erlebnis. diesem erlebnis ist ein spiritueller durst vorangegangen, der mich schon seit jahren von den verschiedensten quellen trinken sah. dass heißt: ich bin zu ole nydahl, einem dänischen buddhisten, in die HdK [anm.: hochschule der künste] gegangen, ich bin in meditationscenter gegangen und ich habe sanyassins getroffen, die mir etwas über osho erzählt haben. ich habe bodyworker getroffen. das ging von tibetischer Massage über yoga bis hin zu rebalancing und energyreadings. ich habe mich mit dem gesamten esoterisch-spirituellen programm auseinandergesetzt und habe seit oktober [anm.: 1998] viel meditiert. fast jeden tag bin ich in ein kreuzberger center gegangen und habe mich ausgepowert, geschnauft, geruht und den inneren frieden erspürt. und dann dachte ich mir: ich habe so viel über den indischen guru osho gehört, ich pack jetzt meine koffer und nehme mir urlaub bei fritz. im märz [anm.: 1999] habe ich fünf wochen frei gemacht und bin mit meinem rucksack nach poona gedüst. dort bin ich in dem ashram rein und habe mich total interessiert in sämtliche meditationsgruppen begeben. und das interessanteste, was mir dabei widerfahren ist, war ein einziger satz. den habe ich tief und fest in mir gespürt, nämlich dass der größte wunsch in mir der nach frieden und ruhe ist. das habe ich dort gespürt. ich bin dann aus poona zurückgekommen und dachte, ich richte mich ein: auf der einen seite werde ich meine karriere als dj weiter forcieren und als producer und vielleicht auch das eine oder andere stück machen. auf der anderen seite werde ich schauen, wie weit ich diesem bedürfnis nach ruhe und frieden auch raum geben kann. ich habe bemerkt, das könnte eine spagat werden, aber das ist interessant. mal sehen, wie man das in der westlichen welt schaffen kann.
dann habe ich von einem neuen israelischen guru gehört, der in münchen war. ich habe mich ins auto gesetzt und bin 600 kilometer nach münchen gedüst. und da saß ich bei einem erleuchteten israeli, der tyohar heißt. ich saß an einem abend bei ihm und fand sehr interessant, was er sagte. er war sehr jung, gerade mal 30 jahre. früher ist er dj gewesen, hat in goa parties gemacht; er hat für mich sehr viele identifikationsmöglichkeiten angeboten. am zweiten abend saß ich da und er redete und redete. ich merkte, wie ich nicht mehr die inhalte der worte wahrnahm, sondern wie sich mein innerstes in einem prozeß der totalen revolution befand. nach diesem abend war kein stein des marcos lópez mehr auf dem anderen. ich habe mich wirklich total hinterfragt, was ich denn gerade mache. was ist mein innerstes bedürfnis? möchte ich nicht auch eher wahrheit und liebe und mitgefühl anstatt cash und "party on"? und dann kam ganz klar das "ja!" für die erste variante. ich bin zurück gefahren und habe mit meinen berliner freunden nachgedacht: was wäre wenn jemand wie ich, der sich als dj-producer der neunziger etablieren konnte, einfach sack und pack schnappt? (wie das übrigens auch viele andere vor mir gemacht haben - als für mich interessantestes beispiel cat stevens, der zum islam konvertierte und als "morning has broken" immer noch in meine ohren klang, hieß er schon mohammed ibrahim.) dieser gedanke, den ich mit meinen freunden austauschte, wurde immer stärker. diese fixe idee, auszusteigen und dem weltlichen leben im westen den rücken zu kehren, weil es hier so laut ist und es eigentlich nur um erfolg und karriere und geld geht, wurde unheimlich stark. dann habe ich überlegt: wie macht man denn so etwas? ich habe mich bei meinen freunden erkundigt und es war irgendwie klar: "he alter, jetzt wird´s zeit!" ich habe in poona ein ritual mitgemacht. dort habe ich einen neuen namen bekommen, der für einen selber ganz persönlich noch einmal dieses bedürfnis manifestiert, einem alten teil von sich "goodbye!" zu sagen und sich einem neuen, suchenden weg hinzugeben. wenn ich hier so weiter machen würde, wäre das irgendwie ein falscher kompromiß. denn der einzige wirkliche wunsch ist, diesem inneren frieden mehr raum zu geben. und das kann ich hier nicht, weil ich mich hier in den ganzen rollen identifiziere und auch in zukunft identifizieren würde und dem neuen anteil in mir, der 'atmo darshan' heißt, gar keinen raum geben könnte.
letztendlich ging es sehr fix: ich habe es einmal ausgesprochen, mich als erstes mit dem fritz-programm-management getroffen und gesagt: "hej leute irgendwie ist mir etwas passiert und ich werde zum ende des jahres aufhören, meine 'sieben sachen' packen und ab geht die post.“
adi: und du wirst jetzt wirklich ausreisen. im januar ist es ja soweit und du fährst nach costa rica. warum gerade dorthin?
marcos: es ist so simpel. ich war weder in dem land, noch habe ich groß etwas erlebt, was dieses land in irgend einer weise meinem herzen näher gebracht hat. aber dort ist tyohar, der israelische ex-dj, der wirklich erleuchtet ist ... und ich kann niemandem sagen, wie sich das anfühlt. man sitzt mit ihm zusammen und spürt, dass er als kanal einer wahrheit dient, die dir selber nicht zugänglich ist.
adi: gut, also ich habe ja einen bestimmten zugang zu dieser sachlage, denn ich komme ja selbst aus indien. du warst in indien und wir wollten uns immer treffen, um über deine erfahrungen zu sprechen. ich kann das nachvollziehen, aber ich kann mir vorstellen, ohne jetzt zu gehässig zu klingen, dass auch leute, wenn sie deine geschichte hören, einfach abwinken und sagen: "du spinnst!“
marcos: ja, aber das macht ja nichts. das ist die projektion der leute, die sie auf mich übertragen. ich will mit meiner entscheidung niemandem im wege stehen und niemandem sagen, er lebt falsch. das ist ein reines commitment an meine eigene wahrheit. und die eigene wahrheit sagt: "junge, mach dich auf die socken, weil Du hier mit diesem leben nicht diesem inneren anspruch nach wahrheit, frieden und ruhe nachkommen kannst.“ und costa rica deswegen, weil tyohar als israeli land gekauft hat, in dem eine neue alternative moderne woodstock-kommune entstehen wird, in der in einer mischung aus musik, tanz, celebration, freude, liebe und in einer extremen verbundenheit mit einem noch sehr unberührten teil dieses landes etwas entsteht, was man als buddha- oder energy-field bezeichnen könnte. und das bedeutet, er als erleuchteter Mensch sammelt die leute, die lust darauf haben, diesen weg zu gehen. und dann wird man sehen, was daraus passiert. er hat als einen der wichtigsten sätze in münchen gesagt (während alle an seinen Lippen klebten, vorher war eine halbe stunde meditative ruhe) und dann sagte er: wenn er am ende seines lebens steht, dann möchte er zurück schauen (und auf einmal war eine große pause in seiner rede, alle klebten an seinen lippen, er nahm die finger in augenhöhe und versuchte das wort zu finden) und dann sagte er: „live should be a great whow!“ und auf einmal war mir klar: was ich hier festhalte, sind fünf- bis zehntausend mark im monat, ein fettes auto und eine 100-quadratmeter-bude. das leben hat mehr zu bieten! und dann habe ich alles in die wege geleitet: polizeiliche abmeldung, versicherungen, bankgeschäfte, einen nachmieter gesucht und am 5. januar geht es los.
Adi: Daran gibt es auch nichts auszusetzen und das sollte auch niemanden interessieren: Dein Leben gehört Dir und Du kannst Dich verwirklichen, wie Du gerne willst. Auf der anderen Seite gibt es aber Leute, die sagen: Du hast es ja geschafft als DJ, Produzent, Musikmacher und als jemand, der in der Szene was zu sagen hat. Du hattest auch die Möglichkeit, die ganze Welt zu sehen. Du bist nach Australien gereist und hast Orte gesehen, die viele nicht einmal annähernd in ihren Träumen entdecken können, und hast Dich aber verpflichtet, jetzt auszureisen an einen Ort, wo Du noch nie warst. Das klingt schon mal etwas seltsam. Aber Du bist relativ zuversichtlich, dass Dein Glauben Dich da durchziehen wird?
Marcos: Es geht noch nicht mal um den Glauben. Es geht um eine Sache, an der es den meisten Menschen mangelt, inklusive mir, und diese Sache heißt: Vertrauen. Ich habe Vertrauen, dass meine Zukunft, genau das sein wird, was der liebe Gott oder die Existenz, die den Masterplan der Erde geschmiedet hat, als richtigen Schritt für mich vorgesehen hat. Und Du weißt, es gibt die neverending Story. Never say never! Und wenn ich merke, das ist nicht mein Platz und es fühlt sich nicht gut an, dann habe ich überhaupt keine Probleme, zurückzukommen. Vielleicht habe ich auch eher Lust, was zu schreiben, denn ich war der Worte sehr mächtig. Das bin ich wahrscheinlich immer noch, da ist wahrscheinlich immer noch zu viel Wort in meiner Birne. Vielleicht habe ich Lust, eher Blumen zu pflanzen oder Bilder zu malen – ich weiß es nicht. Ich möchte jetzt endlich mal das Leben in seinen täglichen Momenten erleben, ohne immer an der Vision festzuhalten, wie es sein könnte. Denn das, was Dir dazwischen jeden Tag passiert, das ist das eigentliche Leben.
Adi: Marcos Lopez gibt es also nicht mehr. Es lebe der alte „Marcos Lopez“ und auf der anderen Seite gibt es jetzt Atmo Darshan. Kannst Du uns sagen, was Atmo Darshan heißt?
Marcos: Atmo Darshan ist ein Name, der mir in Poona gegeben wurde und heißt „the innermost seeing“. Dieser Name wird gechannelt. Man schaut ein Bild von jemandem an und es gibt Leute, die funktionieren als universelle Kanäle. Und die haben gesehen, das mir eine Qualität innewohnt, die ich habe und die es auch noch zu entwickeln gilt. Und sie haben gesehen: Ich bin ein intellektueller Sezierer, ein Sehender. Aber welche Qualität mir wirklich abgeht, ist mehr mit meinem Herzen zu schauen. Und so ist dieser Name auch Aufforderung an mich, das Leben in Zukunft zwar durchaus mit meinem Vermögen zu betrachten, alle Dinge bis ins Detail zu analysieren, aber doch vor allen Dingen in Zukunft auf mein Herz zu hören. Und mein Herz bringt mich jetzt nach Costa Rica.
Adi: Dann soll es so sein, Marcos. Wir werden und auf jeden Fall noch einmal in den nächsten Stunden unterhalten dürfen. Aber nach diesem leichten fast religiös anmutenden Klängen, wollen wir heute Abend aber auch etwas feiern. Oder?
Marcos: Auf jeden Fall!
[MUSIK]
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